Publiziert am 6. März 2014 von Gregor Frehner

Ein Kristall auf Reisen

Um die umfassende Sammeltätigkeit des Winterthurers Bruno Stefanini aufzuzeigen, werden neben den Meisterwerken der „Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte“ im Kunstmuseum Bern einige Sammlungsobjekte zusätzlich präsentiert; u.a. ein Reiterkostüm der österreichischen Kaiserin Sissi, ein Tagebuch von Hermann Hesse und der grösste, jemals in den Schweizer Alpen gefundene Bergkristall. Im Auftrag des Kunstmuseums Bern kläre ich im Depot der „Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte“ ab, ob und wie der Kristall von Winterthur nach Bern transportiert werden kann und im Kunstmuseum Bern wird ein Standort festgelegt, der die erforderlichen, statischen Voraussetzungen erfüllt.

Der Kristall offenbart sich als ein absolut wunderschönes Objekt, das einzig von der Natur geschaffen wurde. Nach seiner Bergung wurde der Kristall auf einem Sockel fest montiert. In einem sich nach oben verjüngenden Betonsockel sind acht Bronzestäbe eingelassen, die sich um den Kristall ranken und so ein Korsett bilden, in welchem der Kristall aufliegt. Mehrere Enden dieser Bronzestäbe sind zu Eidechsen ausgeformt, die nun gewissermassen über den Kristall huschen. Durch diese Form der Aufstellung muss alles miteinander bewegt werden, der Sockel mit dem hölzernen Unterbau und der Kristall bilden im Prinzip eine Einheit, wiegen zusammen 1,8 Tonnen.

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Der Kristall am Eingang des Kunstmuseum Bern

Ich bereite den Transport vor und am Montag, 3. Februar 2014 beginnen wir um 08.00 Uhr mit der Objektbeurteilung und dem Klären der Formalitäten. Da insgesamt 3 verschiedene Firmen am Transport beteiligt sind, müssen versicherungstechnische Kriterien der jeweiligen Haftungen geklärt werden. Dann erfolgt die Verpackung des Kristalls mit der hierfür bereits bestehenden Transportkiste.

Der Weg vom Depot zum Parkplatz führt über eine wendeltreppenartige Rampe, die Steigung ist steil, die Raumhöhe nur knapp höher als der Kristall in seiner Transportkiste.  Mit einem Hubstapler wird der Kristall  ins Freie gefahren und im bereitgestellten Lastwagen verladen. Die Distanz von der Oberseite der Kiste bis zu den Leitungen der Sprinkleranlage im Depot beträgt ein Zentimeter. Diese geringen Platzverhältnisse erfordern vom Staplerfahrer ein grosses Geschick für das Manövrieren seines Fahrzeugs. Sozusagen als Testfahrt erfolgt zuerst der Transport von Rodin’s „Saint Jean Baptist“.

Anschliessend kommen Sissi’s Reiterkostüm und das Buch von Hermann Hesse dazu. Abfahrt in Winterthur ist um 11.00 Uhr, pünktlich erreichen wir Bern, wo der Kristall beim Haupteingang des Kunstmuseums ausgeladen und im Eingangsbereich des Stettlerbaus aufgestellt wird. Wiederum erfolgt eine Objektkontrolle. Der unversehrte Zustand der Objekte wird durch den Empfänger quittiert.

Während der Fahrt mit dem Lastwagen diskutieren die beiden Chauffeure und ich über die Fracht, die wir alle speziell finden. Ein Rodin aus der Gruppe der „Bürger von Calais“, ein Reiterkostüm, ein Buch und ein riesiger Kristall, gehalten von Verankerungsstäben mit Eidechsen-Enden. Die Chauffeure fragen mich nach dem Sammler, ob ich den kenne? Persönlich kenne ich ihn nicht, aber als Winterthurer habe ich schon unzählige Geschichten über ihn gehört. Über Herr Stafanini wissen hier alle etwas, ob es jeweils stimmt, soll offen bleiben. Es haftet ihm etwas Geheimnisvolles an, er ist nicht wirklich fassbar. Ein Mensch, der über lange Zeit seines Lebens gesammelt hat, vermutlich alles, was gefiel und interessierte. Die Sammlung muss gigantisch sein, beinahe ein autarkes Universum. Schön, dass sich dieser Sesam jetzt allen öffnet.

Veröffentlicht unter Gastbeitrag
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Gregor Frehner

Gregor Frehner (*1959) ist Steinbildhauer, Restaurator und Bundesexperte, u.a. realisiert er ein Kooperationsprojekt zwischen dem Bundesamt für Kultur und dem Museum Rietberg, Zürich, in Chavin de Huantar in Peru.

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