Publiziert am 6. März 2015 von André Rogger

Credit Suisse Förderpreis Videokunst 2015

Wie mag ein Tiefsee-Tintenfisch die Welt über dem Wasser sehen? In seinem Vampyroteuthis infernalis (1987) hat Vilém Flusser den lichtscheuen Meeresbewohner als Gegenindividuum zum Menschen eingesetzt.  Der evolutionskritische Philosoph versuchte mit dieser Denkfigur, das menschliche Wesen und Handeln modellhaft aus dieser Sicht des Weichtiers zu schildern, um sich dem Menschen und seiner Welt mit einem kulturell unverbrämten «Aussenblick» anzunähern.

Eine ebenso fiktive Bild- und Tonspur für diesen Aussenblick auf unser Dasein zu entwerfen, hat sich André Mayr (*1989) für seinen nach Flussers Publikation benannten Experimentalfilm vorgenommen. Mit dieser Filmreise durch eine ebenso elementar wie phantastisch anmutende Zivilisationswelt hat er den Credit Suisse Förderpreis Videokunst 2015 gewonnen. Der Preisträger ist Student des MA-Programms «Contemporary Arts & Practice» an der Hochschule der Künste Bern (HKB), und sein Beitrag wurde von der Jury aus 58 Einsendungen einstimmig ausgezeichnet.

Von 6. März bis 4. April ist der achtminütige Film im «Fenster zur Gegenwart» im PROGR zu sehen, und ich kann jedem/r nur empfehlen, sich André Mayrs Vampyroteuthis dort im Grossformat anzuschauen, resp. anzuhören. Denn neben dem anregenden visuellen Experiment, mit eigenwilligen submarinen Bildtrübungen und stereometrischen Motivüberlagerungen, werden Sie in Mayrs durchaus humorvoller Version von «La belle et la bête» in eine einprägsame Tonspur abtauchen können. Ein Ohr, und eine tastende Hand danach, erscheinen als erstes in Grossaufnahme, und aus ihnen erwächst eine immer drängendere Rhythmisierung der subtilen Erkundungsfahrt. Dennoch: Mit welchen Fühlern genau ein Tiefsee-Tintenfisch unsere Welt «sehen» mag – wissen werden wir’s leider nie. Aber vielleicht überlegen Sie es sich selber mal, z. B. am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, wenn Ihnen lärmender Verkehr und drängelnde Mitmenschen grad einfach zuviel werden.

In verkleinerter Projektion, zusammen mit den sieben anderen für den Credit Suisse Förderpreis Videokunst 2015 nominierten Videos, können Sie André Mayrs Vampyroteuthis auch während der Berner Museumsnacht am 20. März sehen, in der Geschäftsstelle der Credit Suisse am Bundesplatz, von 18 – 02 Uhr.

Veröffentlicht unter Gastbeitrag
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Autor

André Rogger

André Rogger studierte in Basel und Edinburgh und war anschliessend Konservator der Sammlung im Kunstmuseum Luzern. Seit 2003 ist er Dozent für Kunstgeschichte an der Hochschule Luzern – Design & Kunst. Er leitet die Fachstelle Kunst und Sammlung Credit Suisse und akquiriert in dieser Position Schweizer Gegenwartskunst für die Bank.

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